Ohne danach gesucht zu haben, ließ es sich von mir finden. (Herbst 2024)
Bei der Recherche nach Rädern von deutschen Rahmenbauern, stieß ich auf ein Rad des schon verstorbenen Pfälzer Rahmenbauers
Hans Mittendorf, den ich Mitte der neunziger Jahre auch mal auf der IFMA in Köln an seinem Stand besucht hatte.
In der elektronischen Bucht wurde ein Mixte-Tandem in einem sehr guten Zustand zu einem äußerst fairen Preis angeboten.
Da es der Verkäufer nicht versenden und nur als Abholung verkaufen wollte, war es vermutlich recht lange eingestellt und immer noch nicht veräußert worden.
Weil es auch nicht allzu weit von mir entfernt stand, fuhr ich nachdem ich mit dem Verkäufer Kontakt aufgenommen hatte, nach Ablauf des erneuten Angebotszeitraums zu ihm und schaute mir das gute Stück unverbindlich an.
War ich zunächst noch skeptisch wegen der Rahmenhöhe (eventuell zu klein für mich?), konnte ich letztendlich wegen der außergewöhnlichen Qualität und der Möglichkeit meiner Freundin den langgehegten Wunsch nach einer Tandemfahrt zu erfüllen, dem flotten Gespann nicht widerstehen.
Zwei Tage später habe ich es abgeholt.
So kommt man manchmal zu Dingen, die so gar nicht geplant waren.
Nun soll das Tandem, dass 1987 nach Maßen und Wünschen eines Ehepaars als flottes Touren-Tandem aufgebaut wurde, in ein Renn-Tandem mit gemütlichem Charakter nach meinem Geschmack umgebaut werden.
Kurze Geschichte zu Tandems im allgemeinen:
Tandems wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts gebaut.
Zwischen 1908 und 1972 wurden Tandem-Rennen auch bei olympischen Spielen ausgetragen.
Danach wurden nur noch bei Weltmeisterschaften bis 1994 in dieser Disziplin Rennen gefahren.
Lediglich im Paracycling hat sich das Tandem im Wettbewerb halten können. Denn hier pilotiert ein sehender Lenker einen oftmals blinden oder zumindest sehbehinderten Beifahrer.
Die beiden Fahrer eines Tandems haben übrigens eigene, aus dem englischen stammende Namen.
Der vordere - lenkende Fahrer wird als Pilot oder meistens auch als Captain bezeichnet. (C)
Der hintere - beifahrende Fahrer wird Stoker (wie der Heizer einer Dampflokomotive) genannt. (S)
Hans Mittendorf - der Rahmenbauer aus dem Hunsrück
Mehr zum Erbauer des Rades findet man unter: http://www.hami-mittendorf.de/
Weitere Details und Infos zu HaMi Tandems befinden sich am Ende dieses Kapitels.
Update Dezember 2024:
Nachdem Ende November das Rad in meine Werkstatt kam und komplett zerlegt wurde, begann nach der Reinigung des Rahmens und der Teile, die noch verwendet werden sollten, die Suche nach zeitgenössischen Teilen, die an das besondere Rad passen könnten.
Erste Komponenten kamen alsbald und die Montage konnte beginnen.
Vom originalen Rad wurden die Laufräder mit den Sturmey Archer Trommelbremsnaben (allerdings mit neuen Reifen und Schläuchen) samt Zahnkranz, die CLB Felgenbremsen, die CLB-Bremshebel hinten, die komplette(n) TA-Kurbelgarnitur(en), die vorderen TA-Pedale, die Sachs-Sedis Ketten, beide Lenker, der Tange-Levin Steuersatz sowie die Klingel wiederverwendet.
Komplett neu sind die Sattelstützen, die Challenge Strada Bianca Reifen und die Schläuche, die hinteren MKS-Pedalle mit den Haken, die Lenkerbänder, sämtliche Züge und Aussenspiralen und auch der Hinterbauständer.
Gebraucht - aber noch gut erhalten, konnte ich folgende Komponenten erstehen und verbauen:
Vorderer Vorbau = Cinelli XA 120mm, Dia Compe Bremshebel vorne, die Simplex SLJ Rahmenschalthebel, das Sachs-Huret Ney Success Schaltwerk mit langem Käfig, der Sachs-Huret Pilot 3-fach Umwerfer, einen Selle Italia Turbo Sattel für vorne und einen Selle Italia Turbo Lady Sattel für hinten, die Cobra Aerodyn Trinkflaschen (eine sogar mit Mittendorf-Aufdruck) und der Sachs-Huret Multitronic Tacho an der Gabel.
Das "flotte Gespann" hat nun folgende Komponenten :
Rahmen: HaMi Mixte Tandem Super Luxe 2004 mit Reynolds 531 Tandem-Rohren, komplett unterverchromt
Steuersatz: Tange Levin
Kurbelgarnitur: TA Specialités 3-fach 54-44-34Z - Tandem
Innenlager: TA (vorne in einem Exzenter-Lager)
Pedale: Vorne (C): TA mit Bügel und Riemen, Hinten (S): MKS mit Bügel
Vorbau: Cinelli XA 120mm
Lenker (C): Cinelli Giro dÍtalia
Lenker (S): Cinelli LA 84 Hornlenker
Lenkerband: Kork
Sattelstütze(n): Kalloy Alu
Sattel (C): Selle Italia Turbo
Sattel (S): Selle Italia Turbo Donna
Bremsen (C): CLB Felgenbremsen
Bremshebel (C): Dia Compe
Bremsen (S): Sturmey Archer Trommelbremsen
Bremshebel (S): CLB Innenklemmung
Schaltung: Sachs-Huret New Success
Umwerfer: Sachs-Huret Pilot
Schalthebel: Simplex SLJ Retrofriction
Naben: Sturmey Archer Hochflansch 40L
Felgen: Mavic M3CD (Drahtreifen) 40L
Speichen: DD
Reifen: Challenge Strada Bianca 36mm
Zahnkranz: Sachs-Maillard 7-fach
Kette(n): Sachs-Sedis
Flaschenhalter: REG Aero (2x)
Tacho: Sachs-Huret Multitronic
Ständer: Hinterbauständer (das erste Rennrad von mir mit Ständer - ist hier aber auch echt sinnvoll :-)
So sieht das "flotte Gespann" nach der Fertigstellung aus
Jetzt kann bei hoffentlich schönem Wetter im Frühjahr die Jungferngahrt stattfinden :-)
Als große Besonderheit ist das spezielle Mittendorf-Ausfallende zu erwähnen.
Dieses speziell geformte (gekröpfte) Ausfallende lässt eine schmälere Hinterachse und ein mittig zentriertes Hinterrad zu, was zu einer gleichmäßigeren Speichenspannung auf beiden Seiten führt und ein stabileres Rad zur Folge haben soll.
Das Grundmodell eines HaMi Tandem´s gab es laut Katalog schon für unter 6000,- DM.
Dieses gute Stück hier wurde etwas aufwändiger bestückt und lag beim Kauf im Jahr 1987 bei knapp 8500,- DM
Von Johannes Mittendorf - dem Sohn von Hans, wurden mir dankenswerter Weise noch weitere Katalog-Seiten zur Verfügung gestellt.